Verständnislosigkeit oder Missverständnis?

 

 

oder: was macht ihr mit meinem Land?

Man kann sich vehement gegen Leute wie Noppeney seelig wenden, man kann sich genauso vehement über die Frisonis unseres Landes ärgern und noch vehementer über all jene in Politik und Kultur, die diese Leute so überaus hoch leben lassen, dass man meinen könnte, ohne zumindest einen kleinen französischen Akzent in der Muttersprache könne man doch unmöglich zur luxemburgischen Elite gehören.

Man kann gegen die feindliche Übernahme unserer luxemburgischen Sprache durch die französische sein. Man kann sich über unsinnige Äusserungen mit unangenehm weitreichenden Konsequenzen einer ganzen Reihe unserer Regierungsmitglieder in dieser Angelegenheit empören. Mme Cahen, zum Beispiel, um nur sie zu nennen.

Man kann mit allen, legalen, Mitteln gegen die „francicisation“ (=Französisierung, mon Dieu!) unseres germanogenen Landes sein.

All das kann man, aus voller Überzeugung, und trotzdem kann man gleichzeitig frankophil sein, die französische Sprache lieben, die französische Kultur und das gesamte Frankreich dazu mitsamt (der meisten) seiner Bürger. Ohne dass sich das auch nur im Geringsten widerspricht. Warum auch?

Es soll sogar Franzosen geben, die England lieben (oh mein Gott!), die englische Kultur (es gibt eine solche, wirklich, liebe Franzosen und alle die es gerne wären, auch wenn das mit der englischen Küche noch nicht so klappt.), und auch noch die englische Sprache.

Trotzdem würden sie dir das Vögelchen zeigen, wenn du ihnen vorschlagen würdest, in dem Fall doch ganz einfach die eigene Muttersprache durch das englische Idiom zu ersetzen. Im ganzen offiziellen und öffentlichen Frankreich. Weil es ja eh auch noch irgendwie die einzige Weltsprache ist, die ausser der Musik überall verstanden wird.

Sie würden dir nicht nur das Vögelchen zeigen, sie würden dich auch noch mehr oder weniger freundlich zur Grenze begleiten, dich und all ihre französischen Mitbürgern, den offiziellen und den einfachen, die so eine Initiative unterstützen würden.
Wir würden das verstehen, nicht wahr?

Warum reagieren wir denn nicht, wenn sich so etwas in unserem Lande abspielt?

Meinen Lehrern ins posthume Stammbuch geschrieben

Über ein bis ins hohe Alter reichendes Trauma

Der Satz: „Das ist noch nie beschrieben worden!“ zur hochnäsigen Abfertigung einer Fragestellung, ist ein Argument geistiger Sklerose.
„Das hab ich noch nie irgendwo gelesen“, ist fast schon schlimmer, besagt es doch, dass sich die betreffende Person keine eigenen Überlegungen und Schlussfolgerungen zutraut. Oder, freundlichstenfalls*, zu faul dazu ist.
Und doch schlagen uns solche Sätze immer wieder entgegen. Besonders im Bereich der Wissenschaften. Und jede Generation ist davon betroffen.
Leider sind es meist diese Leute, die über unsere Examina befinden…

Irgendjemand sagt immer irgendwann irgendwo irgendetwas zum  ersten Mal, schlägt es als Möglichkeit vor, behauptet es, schreibt es…beweist es…warum nicht ich? Wenn mir die bisherigen Erkenntnisse nicht reichen?

„Wenn jemand dagegen eine Erwiderung schreiben will,
so wird mir das höchst willkommen sein.
Auf keine Weise erschliesst sich nämlich die Wahrheit besser
und wird der Irrtum besser abgewiesen
als in der Abwehr des Widerspruchs.“
Thomas von Aquin, „de perfectione vitae spiritualis“ (13.Jh)

„Jede dumme Frage sollte eine intelligente Antwort bedingen können“
„Es gibt keine dummen Fragen.“
„Wen interessieren heute noch Antworten.“
Jean M.P. Gilbertz, „Über meine Traumata“ (21.Jh)

*hach, wieder so ein schönes Wort, die Linguisten zu ärgern.

Der Kreidekreis

Der verdammte Kreidekreis
Ist
Nicht
Die Quadratur seiner selbst
Er ist höher als breit
Und wer oben steht
Hat meist
Den längeren Arm
Den Richtern
Mit den grossen Taschen
Und den weissen Kragen
Fehlt manchmal
Der Überblick
Ja, ja
Justizia
Ist schliesslich
Blind

© jmpg. 16-10-15
Auszug aus „Im Schlepptau der Nacht“
Politische Gedichte

Die Regelwächter

image

Muss ich der Regelwächter Sprache
Lernen jetzt
Wo ich erfahren hab‘
Dass es sie gibt?

Die Sprache der Regeln
Die die Sprache regeln?

Und etwa auch
Die Regeln selbst?

Poesie ist das Sprach-Bild der Schönheit
Ihr Spiel entsteht spontan
Um dann
Der Bewunderung anheim gefallen
Für alle Ewigkeit
In ein Regelwerk gepresst zu werden
Das man doch nur
Dem Augenblick entrissen hat

Nicht jeder ist ein Hölderlin
Auch wenn so mancher
Das Ende mit ihm teilt.

März 2015
In einem Anfall von Desillusion