Die Vollverschleierung als gewollte Exklusion: eine Streitschrift.

Eine Antwort auf Frau Azizis Artikel im „Lëtzebuerger Land“ vom 18-08-17 mit dem Titel:  Atteinte à la liberté des femmes musulmanes.

von Jean M.P. Gilbertz

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Sehr geehrte Frau Azizi

Ich antworte Ihnen auf Deutsch, weil es sich dabei um mein Alphabetisierungssprache handelt, sozusagen die „Hochsprache“ meines Lëtzebuergesch. Sie schreiben auf Französisch, einer der drei offizieller Sprachen unseres polyglotten, liberalen und offenen Landes. Sie sorgen sich um Frauen, die ihre Gesichter jetzt per Gesetz in Luxemburg nicht mehr überall verstecken dürfen. Und Sie warnen uns vor den Konsequenzen, wenn auch wissenschaftlich verbrämt. Damit schlittern wir jetzt aber gefährlich in den Bereich der Sozialpathologie.

Ich sage Luxemburg ist ein offenes Land, und genau so offen begegnen wir uns im Alltag. Wir verstecken weder unsere Gesichter noch unsere Hände und auch nicht unsere Haare, wenn es nicht gerade regnet. Und dies tun wir zusammen mit all den anderen Millionen Mitbürger/innen unseres geliebten Europa seit Jahrtausenden. Es sind Konsens und Gepflogenheiten gleichberechtigter Bürger/innen untereinander, die deutlich machen wollen: hier bin ich, du erkennst mich, ich führe nichts Böses im Schilde. Mal abgesehen von der Bequemlichkeit. Wer hier leben will, sollte sich auch dem gesellschaftlichen Konsens entsprechend verhalten. Die Ritter des Mittelalters hoben, bevor sie zu einem Tournier antraten, die Visiere an und zeigten Gesicht, nannte ihren Namen und den ihres Pferdes. Das Burgfräulein, wie auch die Bauernsfrau, trug lediglich ein Kopfbedeckung oder einen Schleier ums Haar zum Schutz vor Läusen.

Ihre Behauptung, gnädige Frau, muslimische Frauen würden sich aus religiösen Gründen vollverschleiern, läßt den Propheten lediglich den Kopf schütteln. Davon hat er nie etwas gesagt. Ich hab‘ mir die Mühe gemacht, das nachzulesen, Sure für Sure. Es gibt keine solche Vorschrift im gesamten Koran.
Ihre zweite Behauptung, die Damen würden diese Verschleierung freiwillig tragen, aus eigenem Willen, muß ich selbst mit einem Kopfschütten quittieren: die muslimische Frau ist in ihrem gesamten Willen und Wollen ihrem Mann, Vater, Bruder, Onkel, Sohn, Freund und wem noch immer, sei es nur ein Mann, unterworfen. Das allerdings steht so im Koran. Und nicht nur versteckt in einer verlorenen Zeile einer verlorenen Sure.

Sollten Ihre Studien wissenschaftlich belastbare Zahlen hinsichtlich divergenter Motivationen zum Tragen der Vollverschleierung zu Tage bringen, würde ich sie mir gerne anlesen. Ich zweifele erheblich an einer relevanten Zahl emanzipierter, geschiedener Voll-Schleierträgerinnen jenseits der abgeschlossenen Pubertät. Aber Sie wissen selbst, wie empirisch soziologische „Studien“ sein können.

Seine Identität sucht und findet man nicht, indem man sich gegen eine Gesellschaft, die sich seit Jahrhunderten geformt hat und in der man leben möcht, aufleht. Und dies nur weil man aus einem völlig fremden Kulturkreis kommt, in dem man bereits, aus welchem Grund auch immer, nicht mehr leben konnte oder wollte. Und jetzt weder mit sich selbst noch mit seiner neuen Umgebung zurechtkommt. Die Identitätssuche gelingt weder mit symbolischen, noch mit gewalttätigen Demonstrationen. Diese Ansätze sind, mit Verlaub, Madame, therapie- und nicht erklärungs- und sicher nicht entschuldigungsbedürftig.
Lesen Sie sich an, was im Loretto-Damenschwimmbad Freiburg im Breisgau passiert, wenn ganze Autobusse mit muslimischen Frauen aus dem französischen Elsaß anreisen, und diese Frauen dann sehr aggressiv ihre Vorstellungen von „Toleranz“ und „Zusammenleben“ im Sinne des vor 1300 Jahren lebenden Mohammed gegen die einheimische (weibliche) Bevölkerung, durchsetzen wollen. Dieselben Vorkommnisse werden aus der Schweiz gemeldet. Atteinte à la liberté des femmes musulmanes? Liberté? Der Förderverein im politisch grünen Freiburg hat in einem Brief Saudi-Arabien aufgefordert, doch bitte ein muslimisches Frauenbad im Elsaß zu finanzieren. Eine Antwort steht aus.

Vollverschleierung muslimische geprägter Menschen oder auch andere Trotzreaktionen gegen die Integration in christlich geprägten Ländern, die sie aufgenommen haben und die sie verpflegen, sind durch nichts zu rechtfertigen. In Zeiten von „islamisch“ durchwobenen Morden, „Ehrenmorden“ (horribile dictu!) und Terror in unseren Breiten, ausgeführt von Menschen, die aus muslimischen Breiten stammen, und die sich bewußt ethisch und gesellschaftlich abgrenzen auch noch „soziologisch“ kaschierte Warnungen mit Universitätsadresse an mein tolerantes Luxemburg zu versenden, das, Madame Azizi, das geht gar nicht und hat mit Wissenschaft nichts zu tun.

Dr. med. Jean M.P. Gilbertz (mit Titel, wegen der Sozial-Pathologie)

P.S.

Wenn Sie soziologische Begründungen für die Integrationsunwilligkeit und den von muslimischer Seite sehr aggressiv herbeigelebten „Kulturkampf“ suchen, dann sollten Sie sich auf das Terrain der Geschichtssoziologie und der vergleichenden Religionswissenschaften begeben.

Der Islam, oder vielmehr die Fehlentwicklungen, die aus dessen Glaubens- und Staatsverständnisses hervorgehen, bedrohen inzwischen die ganze Menschheit. Ansässige mit Migrationshintergrund, die bereits hier geborenen und gross geworden sind, sind aber nie richtig in unserer Gesellschaft angekommen, vielleicht weil sie sich hin und her gerissen fühlen zwischen den Werten eines mittelalterlichen patriarchalen Islam, den ethische Vorstellungen also, die ihnen ihre Eltern vermittelt haben einerseits, und den freien Entfaltungsmöglichkeiten des Individuums in den Demokratien der westlichen Welt andererseits.
Die Frau in unseren Breiten ist (wenigstens theoretisch) dem Mann gleichberechtigt und kann ihr Leben selbst bestimmen. Allein dieser Unterschied rüttelt am Selbstverständnis und Selbstwertgefühl des islamischen Mannes, der es gewohnt ist,  in seiner Familie die letzte Instanz zu sein. Auch der größte menschliche und gesellschaftliche Versager bleibt das zu achtende Oberhaupt der Familie. Sein Wort gilt. Seine Frau und seine Töchter glaubt er verschleiern zu müssen, um sie vor den lüsternen Blicken anderer Männer zu schützen. Er bestimmt allein, wo sie wann und mit wem unterwegs sind. Eine verquere Logik, die unterstellt, dass alle (zumindest islamische) Männer unter einem unkontrollierbaren Sexualtrieb leiden und, logischerweise, alle (zumindest islamische) Frauen potentiell „unanständig“ sind, wenn sie unbeaufsichtigt sind.
Vergewaltigungen, wie sie in Indien an der Tagesordnung sind stehen hier nur insoweit zur Debatte, als daß eine unverschleierte, sich unziemlich-westlich kleidende und gebärdende Frau, dieser Logik entsprechend, die eigentliche Schuld am „Geschehen“ trägt. Welch entsetzliches, erbärmliches Welt- und Menschenbild. Und welch minderwertiges Selbstverständnis und Selbstwertgefühl.

(Cf http://www.jmpgilbertz.com Essays in Literatur und Gesellschaft on WordPress)

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